Geschichten die das Leben schreiben:

 

 

Der Herr Ingenieur


Nach einer erholsamen Nacht in der Pension, die ich oder die mich, je nach Sichtweise, gestern Abend gefunden hatte, machte ich mich auf den Weg, die drei Kilometer wieder zurück zu meinem ursprünglichen Weg, der mich geradewegs in die gestern Nachmittag entdeckte Touristeninformation führte.
Den ersten Schritt in die Tür gesetzt, erblickte ich hinter der Theke kniend eine Frau, die gerade Papier vom Boden auf glaubte. Als sie mich bemerkte, hörte ich sie sagen: Ich knie schon vor ihnen nieder – etwas verblüfft gab ich zur Antwort, wenn man das eine Antwort nennen kann: ah ja eh für mich ist das ok. Dann folgte herzliches Gelächter von uns Beiden. Nachdem wir uns wieder beruhigt hatten, konnte ich mein ursprüngliches Anliegen, nämlich die Frage nach meinem Weg, vortragen. Nach einer kurzen Wegbeschreibung: Da drüben zwischen den Häusern hindurch und dann aufwärts der Baustelle entlang, wobei ich da etwas vorsichtig seien möge, immer gerade aus und anschließend bitte nach rechts halten. Abschließend wünschten wir uns noch einen schönen Tag und ich verließ beschwingt die Touristeninformation Richtung Häuserlücke.
Ein paar Meter weiter begann offensichtlich die Baustelle – eine neue Straße wurde angelegt. Der Schotterweg war gut zu Begehen und ich hatte keinen Grund mir darüber Gedanken zu machen – was sich allerdings sehr bald ändern sollte. Ich grüßte freundlich die Arbeiter, die rechts und links des Weges mit dem setzten von Randsteinen bzw. mit Betonarbeiten an der Böschung zu Gange waren.
Da die Straße aufwärts führte, konnte ich in einiger Entfernung oben rechts zwei Container sehen. Davor standen vier oder fünf Männer, einer von ihnen trug einen weisen Helm – wahrscheinlich der Bauleiter hörte ich meinen Verstand sagen. Auf der Höhe der Gruppe angekommen, grüßte ich froh gelaunt die kleine Menschenmenge. Ich war fast schon vorbei marschiert, da hörte ich den jüngsten mir zugewandt sagen: Und übrigens, das ist eine Baustelle, da vorne steht ein Schild. Oh – tatsächlich, ich nehme mal an, dass er den ironischen Unterton der in meiner Stimme lag deutlich erkannt hatte. Das entnahm ich auf jeden Fall seiner Gestik und Mimik. Das nächste mal bitte außen herum gehen fügte er hinzu
.
Jetzt kommt der Moment, wo ich dem aufmerksamen Leser erklären möchte, dass ich es im
Allgemeinen schon „Liebe“ wenn mir, mir bekannte Menschen sagen möchten, was ich zu Tun oder zu Lassen habe und wenn es sich dann im Besonderen um Menschen handelt, die mir völlig unbekannt sind, steigert dieser Umstand sehr meine Aufmerksamkeit.
Kleine Gedankenpausen erhöhen nicht nur in der Musik die Spannung, nein sie können auch einem Dialog eine gewisse Dramatik verleihen - so geschehen.
Also nach einer kaum merklichen Pause folgte von meiner Seite ein ernsthaftes und wohl geformtes – NEIN.
Dieses NEIN hatte mein Gegenüber nicht "kommen" sehen, dass war deutlich an seinem
Gesichtsausdruck zu erkennen. Äh was heißt hier NEIN???!!! Nein, ich werde das nächste mal nicht außen herum gehen – warum auch. Wenn mir etwas auf den Kopf fällt, ist er verantwortlich, hörte ich ihn sagen.
Jetzt möchte ich hier nochmals erwähnen, dass es sich um besagte Baustelle um eine
Straßenbaustelle handelte und die Wahrscheinlichkeit, dass mir auf diesem Schotterweg, wo kein Kran weit und breit zu sehen war, etwas auf den Kopf fallen sollte, war verschwindend gering um nicht zu sagen völlig unwahrscheinlich. Ich möchte aber hier nicht so kleinlich sein und unterstelle dem guten Mann einmal, dass er es eher als Metapher den als reale Gegebenheit meinte.
Ich bin für mich selbst verantwortlich gab ich zur Antwort. Wieder so ein Satz dessen Tragweite im nicht gleich bewusst zu werden schien. Er wäre hier verantwortlich und wenn ich so weiter machen würde, hole er die Polizei - Ja gerne, kam wie aus der Pistole geschossen, aus meinem Mund - wo bitte soll ich warten?
Ich bin mir nicht sicher, ob sie solche Begegnungen auch schon einmal hatten, wo der Mensch gegenüber von ihnen, nicht so ganz folgen kann - ich hatte auf jeden Fall während dem ganzen Gespräch dieses unterschwellige Gefühl, dass es in diesem Fall so wäre.

Es ging dann noch eine Weile hin und her bis er dann, sichtlich genervt, zu einem für ihn letzten„ Strohhalm“ griff. Es wäre jetzt besser wenn sie gehen. Da ich ja schon einige Erfahrung, was„ Kreisgespräche“angeht sammeln durfte, also wenn sich Gespräche beginnen im Kreis zu drehen, nahm ich das Angebot gerne an und ging - aber nicht ohne mich vorher freundlich zu verabschieden.
Wer noch nicht gehen wollte war mein Verstand. Jetzt sollten sie wissen, dass mein Verstand die Eigenschaft besitzt, alles bis ins winzigste Detail aufzudröseln und zu hinterfragen. Was manches mal sehr ermüdend sein kann, kam mir in diesem Fall sehr gelegen, da ich ja sonst auch nichts weiteres zu Tun hatte als zu gehen.
Wenn also, so mein Hirn, der Herr Ingenieur für dich verantwortlich ist, könnte ich ja die
Rechnungen, für Essen, Übernachtung und was sonst noch so anfällt, dem Verantwortlichen
zukommen lassen, dass er sich darum kümmert. Eben wie Kinder, die sich am Kiosk ein Eis kaufen und auf ihre Eltern deuten wenn es um die Bezahlung geht. Der Gedanke schien mir recht plausibel. Der Umstand, dass er aber die Polizei rufen wollte passte nicht so ganz in diesen Entwurf. Wenn er also für mich verantwortlich ist, übernimmt dann vielleicht die Polizei für ihn die Verantwortung?
Eine Frage wirft die andere auf und wer ist für die Polizisten verantwortlich? Der Polizeipräsident wahrscheinlich. Für diesen wiederum ein Staatssekretär oder eine Staatssekretärin. Ich kann ihnen sagen, mein Verstand ist in solchen Angelegenheiten ziemlich nach bohrend. Ein Politiker, ja ein Minister, war seine nächste Antwort und dann schließlich die Kanzlerin. Ein normales Hirn hätte schon längst, wenn es überhaupt damit angefangen hätte, die Flinte ins Korn geworfen und hätte sich oberflächlichen Dingen zugewandt – nicht so meines. Mir war sofort klar, dass diese nicht die endgültige und abschließende Antwort sein konnte. Für die Kanzlerin muss dann - die Antwort die dann folgte, verblüffte dann doch auch mich, den Besitzer dieses Gehirns, ein wenig, was hin und wieder zu meiner freudigen Überraschung doch passiert, also bleibt in unserer abendländischen Kultur nur noch einer übrig – Gott. Gott ist für alles Verantwortlich.
Und hätte ich es nicht gewusst -
Wenn ich die voll umfängliche Verantwortung für mich übernehme, bin ich dann
wie........................ schob mein Verstand noch hinterher und war damit merklich zufrieden.
Nun war es gut, mein Verstand beruhigte sich wieder, war zufrieden und wir konnten gemeinsam den gegenwärtigen Augenblick genießen.
Ende

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Ralph Bartholomae